FFF 2012 Kritik: The Tall Man, God Bless America, 13 Eerie, Excision

Die restliche Ausbeute des diesjährigen Fantasy Filmfests nach Black Out. Ursprünglich sollte es ein Video-Review mit meinem Kumpel Peter, dessen Blog Ihr bitte hier besucht, geben, hat aber wegen technischer Probleme nicht hingehauen. Nächstes Jahr wird alles besser – versprochen.

The Tall Man

USA / Kanada 2012

Regie: Pascal Laugier:

Darsteller: Jessica Biel, Jodelle Ferland, William B. Davis…

Story: Das Böse sucht die kleine Stadt Cold Rock heim. Kinder verschwinden, eines nach dem anderen, keine Hinweise, keine Zeugen. Bald werden die wildesten Gerüchte in Umlauf gebracht. Hinter vorgehaltener Hand und mit leiser Stimme berichten die Bewohner von einer schrecklichen Gestalt: dem Tall Man, dieses geheimnisvolle Wesen, trägt die Kinder davon. Mit dieser Legende, die zu einer wachsenden Bedrohung wird, hat die Krankenschwester Julia Denning (Jessica Biel) nichts am Hut und weder die Zeit oder ist für Legenden oder Aberglauben zu haben. Bei der Ausübung ihrer Arbeit versucht sie einen Anschein von Normalität in ihrem aufrecht zu erhalten. Bis der Terror an ihre Tür klopft und ihr Junge entführt wird.

Kritik: Nach Martyrs, der mir besonders durch die ebenso überraschend verstörende sowie schockierende Auflösung gefallen hat, waren die Erwartungen an Pascal Laugiers erste US-Produktion groß. Um mir nichts zu verderben hatte ich im Vorfeld lediglich die Beschreibung im FFF-Programmheft gelesen und auch keinen Trailer gesehen. Es entpuppte sich als die richtige Herangehensweise an diesen ungewöhnlichen (Horror)Film.

The Tall Man besteht aus drei Akten, die komplett unterschiedlich sind und doch Teil der gleichen Geschichte. Der Film beginnt als klassischer Horror/Grusel-Film der alten Schule, was Langeweile bzw. Wiedergekäutes erwarten lässt. Doch plötzlich erhält der Film eine Wendung, die so kaum hervorzusehen ist (eben weil alles davor nach Altbekanntem roch) und man sich zunächst nur fragen kann „was zur Hölle ist hier los?!“ Der zweite Akt dreht alles um und wir wollen natürlich wissen, wer jetzt hier aus welchem Grund lügt, etwas zu verstecken hat oder die Wahrheit sagt. Dieser Wechsel zwischen den Akten macht dann auch die Stärke von The Tall Man aus. Besonders möchte ich hier die Leistung von Jessica Biel loben, die zeigt, dass sie mehr kann als Eye-Candy und halb-nackt durch den Wald laufen. Ich habe sie noch nie besser (schauspielen) gesehen. Biel bingt jederzeit die erforderlichen Emotionen für den entsprechenden Abschnitt mit, was enorm wichtig ist, um die aktuelle Stimmung widerzuspiegeln. Ich halte es hier absichtlich sehr wage und spoilere nicht. Denn der Fim lebt nicht von der Geschichte an sich, sondern wie sie aufgebröselt wird.

Als größten Schwachpunkt sehe ich den dritten Akt. Es wird zu viel Zeit darauf verwendet die Auflösung darzubieten und vor allem sie zu erklären. Es ist eine sehr interessante Idee, auf die man aber fast selbst kommen könnte. Ab dem Moment, an dem man weiß was los ist, verliert sich Laugier in einer nicht erforderlichen Narrative und ausschweifenden Erklärungen. Einzig die Frage, die am Schluss dem Zuschauer direkt gestellt wird, entschädigt ein wenig und stößt zum Nachdenken an. Das was letztlich durch die Hauptfiguren als positiv dargestellt wird, ist in meinen Augen nämlich moralisch höchst fragwürdig. Leider ist die Auflösung aber weder so schockierend, noch so clever oder interessant wie bei Martyrs, mit dem ich den Film an dieser Stelle vergleichen muss. Ich hoffe doch, dass Laugier nicht in die Fußstapfen eines Shayamalan tritt und glaubt, ausschließlich Geschichten mit Twists zu schreiben/verfilmen.

Manu meint: Ein durchaus interessanter Beitrag eines vielversprechenden Regisseurs mit einer unfassbar guten Jessica Biel und einer exzellenten Kameraarbeit. The Tall Man lebt hauptsächlich von dem Twist zwischen den ersten beiden Akten, der Erwartung der Zuschauer, verliert sich dann jedoch in repetativen Erklärungen gegen Ende, die leider nicht so spektakulär sind, wie uns der Regisseur verkaufen möchte. Hat mich leider nicht so umgehauen, wie ich es erhofft hatte, aber der Film wirkt nach. Daher 7/10 Punkte.

 

God Bless America

USA 2012

Regie: Bobcat Goldthwait

Darsteller: Joel Murray, Tara Lynne Barr, Melinda Page Hamilton…

Story: Frank (Joel Murray) ist geschieden und hat kürzlich seinen Job verloren. Als bei ihm auch noch ein unheilbarer Gehirntumor diagnostiziert wird, will er sein Leben nicht länger ertragen. Beim Fernsehen beschließt er kurzerhand, Selbstmord zu begehen. Kurz bevor er sich mit einer Pistole das Leben nehmen will, sieht er in einer Reality-TV-Sendung ein verwöhntes Teenagermädchen, das einen Wutanfall hat, weil es zum Geburtstag das “falsche” Geschenk bekommt. Frank entschließt sich, die Welt von unhöflichen und nervigen Leuten zu befreien. Insbesondere will er “Stars” der von ihm verabscheuten Reality-TV-Sendungen töten. Bei seiner Mission erhält Frank unerwartete Unterstützung durch die Schülerin Roxy (Tara Lynne Barr), die ihn bei einem Mord beobachtet und sich ihm danach anschließt. Gemeinsam greifen sie unhöfliche Kinobesucher, radikale Christen, Verkehrsteilnehmer die mit ihrem Auto zwei Parkplätze blockieren, gehässige TV-Moderatoren und die Beteiligten einer Castingshow an.

Kritik: Ich fühle mit Frank. Ich habe auch so oft die Schnauze voll von minderwertigem Fernsehen, dass die Gesellschaft mit seiner Pseudomoral infiziert. Noch größer die Wut über die Schafe, die blind folgen. Um Fragen wie “hast Du xy gestern bei Popstars/Supertalent/X-Factor/blablabla gesehen?” kommt man im Alltag kaum noch herum. Religiöse Fanatisten müllen uns im TV sowie im Internet zu. Für viele zählt nur noch das neue iPhone oder das neuste Auto. Wir fühlen mit Frank, weil er innerhalb kürzester Zeit mit all diesen (alltäglichen) Dingen  konfrontriert wird. Zudem machen ihm seine Nachbarn, seine Ex-Frau, ihr Neuer und besonders seine verzogene Tochter zu schaffen. Was Frank von den sonstigen Nörglern und theoretischen Weltverbesseren unterscheidet, ist seine Eloquenz – er kann seine Gefühle und Kritik stets präzise verbalisieren. Nur leider versteht in (auf der Arbeit etwa) keiner. Zu allem Überfluss verliert er noch seinen Job (durch sehr dubiose Umstände) und ihm wird ein Gehirntumor diagnostiziert. Das soll Regisseur Goldthwait reichen, um den folgenden Amoklauf zu erläutern – nicht aber um ihn zurechtfertigen. So pendelt der Film gekonnt zwischen Satire, Comedy, Roadmovie und Actionfilm. Die Dialoge sind spitz, die Kills teilweise eiskalt und überraschend, alles aber so übertrieben inszeniert, dass man den Film genießen kann – ohne dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt – gleichzeitig aber auch die Gesellschaftskritik verarbeiten kann. Dafür sorgt auch Franks “Sidekick” in Form der jungen Roxy. Ihr kann man aufgrund ihrer Jugendlichkeit und ihres unschuldigem Äußeren den Racheengel nicht zu ernst nehmen. Und das ist ein ganz wichtiges Element dieser Satire, die Extreme anspricht, die uns nur im Traum einfallen (sollten). Frank und Roxy sprechen uns mit ihren durchaus übertriebenen und hoffentlich realitätsfernen Maßnahmen gleichzeitig allen aus der Seele, sowie sie auch gleichzeitig an uns allen Kritik üben – God Bless America ist ein Rundumschlag, der keine Gefangenen macht.

Einen Kritikpunkt noch: der dramaturgisch so unvermeidliche Konflikt zwischen Frank und Roxy wirkt zu konstruiert. Ich habe Roxys Hintergrundgeschichte zu keinem Zeitpunkt geglaubt. Auch dass sie kurzzeitig zu ihren Eltern zurückkehrt zeigte mir nicht genug Konsequenz ihrer Figur. Das sind aber kleine Abstriche bei einem durchweg unterhaltsamen Film, der eigentlich einen ernsten Hintergrund hat.

Manu meint: God Bless America ist genau der Film, den ich (und wahrscheinlich viele andere auch) erwartet habe: Eine vor Gewalt triefende mit schwarzem Humor gespickte Gesellschaftssatire. Falling Down trifft auf Natural Born Killers und Super, und das finde ich super, da auch die Hauptfiguren keineswegs fehlerfrei sind und sich selbst teilweise in ihren “Moral”vorstellungen widersprechen. 8,5/10.

 

13 Eerie

USA 2012

Regie: Lowell Dean

Darsteller: Katharine Isabelle, Brendan Fehr, Brendan Fletcher

Story: Sechs junge Forensik-Studenten haben sich für die nächste Bewerberrunde beim FBI qualifiziert. Jetzt sollen sie ihre praktische Eignung unter Beweis stellen und werden übers Wochenende zu einem öden Eiland gefahren, auf dem die Ausbilder zu Trainingszwecken eine “Bodyfarm” errichtet haben. Mit Feuereifer stürzen sie sich auf ihre Fälle, bis ein Aspirant nach dem anderen auf mysteriöse Weise verschwindet. Schnell stellt sich heraus, dass das Gelände einst vom Militär zu biogenetischen Experimenten genutzt wurde – und einige der Versuchskaninchen wider Willen auf dem Gelände zurückgeblieben sind.

Kritik: Keine Lust mehr auf die x-te Zom-Com, die nicht annähernd an Shaun Of The Dead heranreicht? Schnauze voll von CGI-Gekröse? Dann seid ihr mit 13 Eerie absolut richtig bedient. Ich habe wirklich gedacht, dass solche Filme nicht mehr gemacht werden. Hier geht es noch mit handgemachten Effekten und nach alter Schule zur Sache. Aber auch wenn der Film offensichtlich den (guten alten) 1980ern huldigt, bietet er dennoch etwas Frisches. So besteht die Gruppe nicht wie üblich aus einer Ansammlung von Klischees, sondern aus Forensik-Studenten und deren Ausbilder. Zudem verhalten sich die Protagonisten tatsächlich angemessen und nachvollziehbar. Letztlich überleben sogar mehr als eine Person; glücklicherweise auch Katherine Isabelle, die ihre Leistung ihrem Äußeren anpasst und somit absolut überzeugt. Schön auch, dass die Mutanten/Verseuchte/Zombies (ganz eindeutig ist das nicht, aber auch nicht schlimm) wirklich böse aussehen. Die ehemaligen Gefngnisinsassen sind fast alle richtige Kanten und strahlen allein von ihrer Physis Gefahr aus, dazu gesellt sich das absolut gelungene Make-Up. Tom Savini lässt grüßen.

Manu meint: Old-School Splatter, der Spaß macht und dem ganzen neuen Kram kräftig die Eingeweide rausreißt. Dazu noch solide und flott inszeniert und ein zu keiner Zeit peinlicher Cast. Kein Hatchet, das ist der Real-Deal, auch wenn nicht wirklich neu. 7,5/10.

 

Excision

USA 2012

Regie: Richard Bates Jr.

Darsteller: AnnaLynne McCord, Traci Lords, Ariel Winter, Roger Bart

Story: Paulines Selbstdiagnose könnte treffender nicht sein: Sie müsste dringend in psychiatrische Behandlung. Für ihre gottesfürchtige Mutter sind Tanzstunden die beste Therapie, ihr Vater ist ein konturloser Waschlappen und Pater William hält das Mädchen für “sehr unausgeglichen”. Allerdings! Paulines Absencen auf dem Fußboden des Kinderzimmers sind extrem blutig und garantiert unkeusch. Als ihr Projekt “vorehelicher Sex” in einem Desaster endet und ein Schulverweis ihren Traumberuf Ärztin gefährdet, betreibt Pauline das Medizinstudium in Eigenregie, um ihrer kranken Schwester zu helfen.

Kritik: Für mich gab es dann zum Abschluss mein persönliches Highlight des FFF 2012. Excision ist ein gleichzeitig verstörendes und auch lustiges Psycho-Horror-Drama (Achtung: schwarzer Humor!), das irgendwo zwischen Juno und Baby Blood angesiedelt ist – wenn man da einen Vergleich ziehen darf. Denn Excision ist sehr eigen. Paulines abgedrehte nekrophile und nihilistische Gedankenwelt trifft auf ihr Leben im scheinbar behüteten Vorort und der Schule.  Die Traumsequenzen bestechen durch eine Ästhetik, die The Cell gleichkommt und eine Intensität aufweist, wie sie sonst auch gerne Nicolas Winding Refn inszeniert. Es bewegt sich alles zwischen Sex, Ekel und Tod. Hier wird mehr Darstellung als Handlung geboten, ähnlich wie bei Bronson, und trotzdem ist das Treiben auf der Leinwand von Anfang bis Ende faszinierend. Es ist manchmal wie bei einem Autounfall: Man darf eigentlich nicht gaffen, aber will auch nicht wegsehen. Die extrem perversen Szenen werden durch Paulines “Juno”-esquen Sprüche zwischendurch wieder aufgelockert, sodass man sich fast wieder sicher fühlt, nur um den nächsten Schlag abzukriegen. Bei Excision geht es nicht um Splatter, obwohl reichlich Blut vorhanden ist, hier wird in der Magengrube gewühlt und der Zuschauer ständig gefordert: “Darf ich hier lachen? Darf ich das jetzt gut finden?”.

Zu der unbehaglichen (und dadurch perfekten) Inszenierung kommt AnnaLynne McCord, die (trotz etwas übertriebenem “ugly” Make-Up) die gestörte und verhaltensauffällige Pauline unfassbar überzeugend spielt und nur noch von Traci Lords als gottesfürchtiger Kontrollfreak überragt werden kann. Das Erzähltempo ist relativ langsam, was der Stimmung nur zuträglich ist. Umso heftiger kommt dann das Finale, in dem sich Pauline dann erstmals an einer operation versucht. Traurig wie schön zugleich durch die Intention – pervers wie witzig in der Umsetzung.

Manu meint: Provokation an jeder Ecke – grotesk, pervers, blutig, lustig, unangenehm. Extrem in jeder Hinsicht, aber auch extrem unterhaltsam. Gut inszeniert, grandios gespielt. Mein FFF-Highlight, denn solche Filme gibt es nicht viele. 9/10.

 

 

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