DVD-Review: Ex-Drummer

Belgien 2007

Regie: Koen Mortier

Darsteller: Dries van Heegen, Norman Baert, Gunter Lamoot, Sam Louwyck, Bernadette Damman…

Inhalt (Wikipedia): Eines Tages tauchen drei abgerissene Gestalten aus den Elendsquartieren von Ostende bei dem erfolgreichen Schriftsteller und ehemals aktiven Schlagzeuger Dries auf, um ihn als Drummer für ihr bis dahin wenig erfolgreiches Bandprojekt anzuheuern. Ziel ist zunächst ein einmaliger Auftritt mit einer Band von ausschließlich behinderten Musikern am (Provinz-)Rockwettbewerb von Leffinge. Als da wären: Koen de Geyter, der lispelnde Sänger, dessen Freizeitbeschäftigung es ist, Frauen zu überfallen und blutig zu schlagen, um Befriedigung zu erlangen, Jan Verbeek, der Bassist mit dem steifen rechten Arm, der daheim seinen Vater „pflegen“ muss, der mit einer Zwangsjacke an das Bett gefesselt ist, und der taube Gitarrist Ivan Van Dorpe, in dessen Heim die lustlose Ehefrau das Haus und ihren eigenen Körper verkommen lässt und die schreiende Tochter allenfalls mit Drogen ruhigstellt. Dries willigt ein, getrieben von dem Drang nach Beobachtung des sozialen Elends, gibt als sein Handicap an, dass er nicht Schlagzeug spielen könne, und nennt die Band „The Feminists“. Dries manipuliert die Welt der Asozialen, instrumentalisiert sie gegeneinander und schließlich wähnt er sich selbst als Erlöser und sorgt für eine Katastrophe.

Kritik: Nach einer kurzen – genial gefilmten und mit einem genialen Monolog unterlegten – Einführung, packt uns Koen Mortier an den Eiern und schleift uns in eine Welt, die so abartig, ekelhaft und unfair ist, dass wir gar nicht mehr wegschauen können und das auch ganz bald nicht mehr wollen. Von der ersten Minute werden wir als die Voyeure entlarvt, die wir sind. Hier dürfen wir das sein, was Filme von uns verlangen. Dabei ist das alles so brilliant inszeniert und gespielt, dass kaum ein Zweifel aufkommt, dass das Gezeigte nicht real ist. Vielleicht auch, weil wir es glauben wollen, ganz egal wie verrückt es sein mag. Mortier lässt in seinem ersten Film mit voller Spielzeit nichts aus: es wird gekifft, gekokst, gefickt (reale Penetration), gerotzt, gerockt, geschlagen und getreten (vornehmlich gegen Frauen und Schwule) und flächendeckend beleidgt, und das nahezu über die gesamte Spielzeit. Unterlegt ist das alles mit einem extrem punkigem Soundtrack, der sich nahtlos in den Wahnsinn einreiht. In Ex-Drummer dürfen wir erstmals mithilfe von Dries, dem wir folgen, in diese „Unwelt“ eintauchen. Wir befinden uns in Vierteln, Kneipen und Absteigen, die wir sonst nie wagen würden, auch nur aus der Nähe anzusehen. Hier suhlen wir uns in dem Dreck, den wir so abstoßend finden. Und genau das macht Ex-Drummer goldrichtig: Im Fokus stehen wir, die Voyeure. Mortier verrät zu keinerzeit seine Figuren. Und machen sie auch noch so verrückte Sachen, wir glauben es, auch weil es in ihrer Situation, in ihrer Welt, nachvollziehbar erscheint.

Parallelen zu Trainspotting sind in diesem Fall gar nicht so verkehrt. Auch hier befinden sich die Figuren in einem Sumpf, aus dem es – zumindest für sie – keinen Ausweg zu geben scheint. Ich war nach der Sichtung von „Ex-Drummer“ mindestens so mitgenommen, irritiert, fertig und verstört wie nach „Trainspotting“. Gleichzeitig aber auch so fasziniert und froh darüber, so etwas gesehen zu haben und auf eine komische Art dankbar dafür, es sehen zu dürfen. Ich mag es halt auch oftmals, wenn ein Film provoziert, fordert, mir einen Spiegel vorhält und es mir einfach nicht leicht gestaltet zu konsumieren. Hier gibt es zudem keinerlei Moralpredigten, Wundenlecken ist somit angesagt und erwünscht.

Zu der eigentlichen Handlung gibt es einfach nicht viel zu schreiben, da sie wie bereits erwähnt nicht im Fokus steht. Es geht um den Zuschauer, um die Figuren und deren teils unfassbare Handlungen und vor allem um die Atmosphäre, die einem jeden Moment die Luft abzuschnüren droht. Mit diesem nihilistischen Schlag ins Gesicht hat sich Koen Mortier ganz oben bei mir auf die Beobachtungsliste gesetzt; sein zweiter Film „22. Mai“ ist längst bestellt und gesichtet worden, eine Besprechung folgt natürlich.

Manu meint: Extrem in jeder Hinsicht, ein Film vor dem die Eltern immer gewarnt haben und den die Frau einem verbieten will zu gucken. Nichts für einen lockeren Filmabend, sondern für Mainstreamhasser und Cineasten, die sich bewusst sind, dass sie Voyeure sind und das zelebrieren. Ex-Drummer ist der Schlag in die Nieren, dessen Schmerz von dem Tritt in die Genitalien zuvor nur ablenken soll. Völlig fertig und mit blanken Nerven, aber mit einem großen Lächeln im Gesicht ob der dargebotenen Genialität gibt es von mir 9,5/10.

Ein Gedanke zu “DVD-Review: Ex-Drummer

  1. Deine Kritik liest sich wie ein Roman, wirklich schön und voller Leidenschaft zum Genre formuliert!

    Solange ich kein Bedürfnis nach einer Nervenzerreißprobe habe, werde ich mir dieses Werk wohl nicht ansehen. Aber man weiß ja nie, wann diese bestimmte Stimmung einsetzt… Falls das irgendwann mal der Fall sein sollte, werde ich dir berichten, ob diese tolle Kritik auch gerechtfertigt war.

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