Did Sherlock “jump the shark”?

Nach mehrfacher Überlegung und Anstoß von außen (Danke Nico!), schreibe ich meine Gedanken zur viel kritisierten dritten Staffel der britischen Serie Sherlock nieder. Ich gehe davon aus, dass jedem Leser der Begriff “to jump the shark” sowie die Episoden bis dato bekannt sind. Spoiler also voraus!

Staffel drei ist auch in meien Augen die bisher schwächste, allerdings haben die ersten beiden die Latte auch ziemlich hoch gehängt. Warum wirkt sie so schwach im Vergleich? Allgemein liegt es zunächst daran, dass die Serien-Erfinder und -Schreiber Mark Gatiss und Steven Moffat ihre Serie (und deren Hauptfiguren) zu sehr feiern. Sherlock ergeht sich in coolen Sprüchen, bei Optik und Inszenierung wurde noch mehr auf Style gesetzt, während die Fälle größenteils auf der Strecke bleiben. Es ist gerade einmal zwei Wochen her, dass ich die erste Folge gesehen habe und ich kann mich kaum noch daran erinnern, worum es eigentlich ging. Klar, viele Einfälle sind auch clever und Cumberbatch und Freeman bieten erneut ausgezeichnete schauspielerische Leistungen. Aber die Inszenierung mit ständigem Augenzwinkern sorgt für eindeutig zu viel comic relief, der stellenweise ins Alberne abdriftet. Zudem sind wichtige Nebenfiguren wie Mrs. Hudson und Detective Greg Lestrade scheinbar nur noch Stichwortgeber und wurden zu albernen Sidekicks degradiert. Schade, dass die über zwei geniale Staffeln mit Liebe zum Detail geschriebenen Figuren derart demontiert wurden. Am Ende fängt sich jede Folge wieder, dazwischen wurde viel Zeit und damit Potential – das die Serie immer noch hat – vergeudet.

Doch chronologisch: In Episode eins (“The Empty Hearse”) gibt es nicht die Auflösung des “Reichenbach Fall”. Zwei Jahre haben (wir) Fans darauf gewartet, zu wissen wie Sherlock den Sprung überlebt hat bzw. wie er die Illsuion inszeniert hat. Mir war es ja nach kurzer Zeit fast schon egal, schließlich ist das “wie” nicht so wichtig wie das “dass” und “warum”. Doch das Schreiberteam selbst hat eine Konklusion angekündigt. Das nicht zu tun und uns mit Fanboy-Theorien auf falsche Fährten zu locken ist einfach feige. Den Fanboys den Spiegel vorzuhalten ist zwar nicht innovativ, aber streckenweise zumindest unterhaltsam. Was Moffat und Gatiss hier abziehen ist allerdings eine Bloßstellung der eigenen Anhänger. Sie so dreist als dumm und nervig zu skizzieren ist schon mehr als arrogant. Mark Gatiss schreibt in einem Q&A auf der BBC-Internetseite: “In ‘The Empty Hearse’, Sherlock presents a perfectly acceptable and rational theory as to how he faked his death. Anderson, quite rightly, has some questions about the method but there’s no reason why it didn’t happen like that. You may believe what you want!” – Danke für nichts…

Dagegen ist das erste Aufeinandertreffen von Sherlock und Dr. Watson großartig geschrieben wie gespielt. Es ist halt immer noch “Sherlock” und es macht Spaß den beiden beim Interagieren zuzusehen und Einblicke in Sherlocks Mind Palace zu erhalten.

Die zweite Folge (“The Sign of Three”) stellt Watsons Hochzeit und vor allem die Rede seines Trauzeugen Sherlock in den Mittelpunkt. Sie ist sehr lustig, weiß aber zunächst nicht wirklich wo die Reise hingehen soll. Ich empfand sie bis zum zweiten Drittel als sehr zerfahren. Dann aber dreht sie auf: das Gesamtbild fügt sich zusammen und es wird spannend. Die Auflösung des Falls ist jedoch ziemlich grenzwertig: Nette Idee, aber dass jemand über mehrere Stunden nicht merken soll, dass er in den Rücken gestochen wurde… hmm, unglaubwürdig. Hier haben sich Gatiss und Moffat eindeutig verhoben.

Das Staffelfinale “His Last Vow” entschädigt für vieles davor. Der Humor gerät in den Hintergrund und Sherlock erhält mit Magnussen einen Gegenspieler vom Kaliber Moriarty. Dass er ihn am Ende mit einem Kopfschuss zur Strecke bringt, finde ich sowohl mutig als auch passend für Sherlocks Entwicklung, der im Laufe der Episoden immer mehr “menschelt”. Es ist hier der einzige Ausweg für ihn und vor allem Watson und seine Frau zu schützen. Auch den Twist, dass Mrs.Watson eine Auftragskillerin war, finde ich überraschend gelungen, auch wenn es plötzlich plump reingeschrieben wirkt. Totzdem sorgt das für sehr viel Dynamik zwischen dem Trio. Die Staffel schließt mit einem Cliffhanger, der (wieder mal) für offenstehende Münder und reichlich Fragen sorgen dürfte. Offensichtlich ist Moriarty zurück (oder wie in den Doyle Büchern sein Zwillingsbruder), was ich mir insgeheim immer gewünscht habe. Die Figur ist nicht nur ausgezeichnet geschrieben, sondern wird von Andrew Scott einfach unnachahmlich brillant verkörpert. Mit einer vierten Staffel könnte sich Sherlock (noch/wieder) retten: Im Zusammenhang mit Moriartys Rückkehr könnte man endlich den “Reichenbach Fall” auflösen – wir hätten es uns verdient.    Manu meint: Durch die Demontage und Degradierung einiger (Neben)Figuren zu (Sidekick-)Suppenkaspern sowie die Tatsache, dass die eigentlichen Fälle nicht mehr im Fokus stehen, haben Gatiss und Moffat ihre bisher zurecht beliebte Serie teilweise verraten. Sie finden sich selbst zu geil und zeigen den Fans lieber den Stinkefinger als zu beweisen, dass sie genial sind. Die Staffel ist nicht scheiße, aber bei weitem nicht so gut wie die vorherigen. Ich fordere nicht nur mehr konkrete Fälle, sondern auch überraschende Auflösungen, die auch noch nachvollziehbar sind. Sherlock ist zwar noch nicht ganz über den Hai gesprungen, sollte aber in einer vierten Staffel – nach der es ja aussieht – schnell wieder die Kurve kriegen.

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