Offener Brief an Marcus Staiger

Vorgeplänkel: Jan Böhmermann hat in seiner zdfneo-Sendung Neo Magazin Royale in seiner Rubrik “Beefträger” folgendes Video präsentiert: https://www.youtube.com/watch?v=PNjG22Gbo6U

Daraufhin hat sich der von mir geschätzte Marcus Staiger in einem offenen Brief an den von mir ebenfalls sehr geschätzten Jan Böhmermann gewandt. Das findet Ihr hier: http://noisey.vice.com/de/blog/ein-offener-brief-an-jan-bohmermann-von-marcus-staiger-341

Meine Stellungnahme/Einschätzung dazu, ebenfalls in einem offenen Brief:

Sehr geehrter Herr Staiger,

Dass ausgerechnet Sie als eloquentes wie vermeintlich tolerantes Aushängeschild der deutschsprachigen Hip-Hop-Szene sich so negativ zu Jan Böhmermanns Rap-Parodie “POL1Z1STENS0HN – Ich Hab Polizei” äußern, ist nicht nur traurig. Sie erweisen der Szene, die sie damit doch eigentlich verteidigen/schützen wollten, einen Bärendienst. Sie präsentieren Hip-Hop/Rap als völlig ironiefrei und spaßbefreit – ein Armutszeugnis. Denn wenn sich K.I.Z., Antilopen-Gang und weitere deutsche Rap-Acts über Hip-Hop-Klischees echauffieren und/oder sie auf die Schüppe nehmen, bleibt der Aufschrei aus.

Doch das wichtigste haben Sie, Herr Staiger, völlig außer Acht gelassen. Den Kontext. Humor – insbesondere Parodien – funktionieren meist nur richtig gut im Kontext. Die Vorgeschichte: Der Rapper FLER wollte sich mit Jan Böhmermann anlegen. Anstatt sich aber auf das Pöbel-Niveau des bekannten Streithahns aus Berlin zu begeben und ihn vielleicht in seiner Sendung Neo Magazin Royale zu beleidigen, schlägt Böhmermann ihn mit seinen “eigenen” Waffen bzw. mit denen der Hip-Hop/Rap-Szene. Im Kontext dabei ist gut zu wissen, dass Jan Böhmermanns Vater Polizist war. Frei nach dem Motto “ich bin eine schmächtige Kartoffel” (das habe ich mal ganz frei interpretiert), sieht Böhmermann seine einzige Chance, in dem er die Polizei ruft. Das Ganze ist dann in einen Rap-Song gepackt, der sich in seiner Form sehr am bekannten Rapper Haftbefehl orientiert. Ich sehe bis hierhin immer noch nicht, wo und wie sich Herr Böhmermann hier über eine Randgruppe oder die gesamte Unterschicht lustig macht. Im Gegenteil spricht er auch noch auf sarkastische Weise sensible Themen wie Polizeigewalt an. Das ist mehrschichtig und der Begriff Metaebene lässt sich bestimmt irgendwo nachschlagen. Diese Selbstironie, die offenbar reflektierenden Menschen leichter zugänglich ist, geht dem Großteil dieser Szene – und leider vielleicht sogar Ihnen – scheinbar ab. Und das ist sehr schade. Von Herrn Marcus Staiger hätte ich das wirklich anders erwartet..

Zitat Staiger: “Das hast du alles nicht gesagt und im Endeffekt hast du nur einen Witz gemacht und wir Trottel haben ihn einfach nicht verstanden.” – Eben. So ähnlich. “Das Beste an deinem Song aber ist, dass er gar kein Witz ist, sondern die pure Wahrheit.” – In jedem (guten, cleveren, fordernden) Witz steckt ein bisschen (oder auch mehr) Wahrheit. Immer noch kein Vergehen festgestellt. “[…] mein lieber Jan, bringst du in deinem Song perfekt auf den Punkt, genau wie die Arroganz einer Gesellschaft, die das schon ganz in Ordnung findet, dass es Gewinner und Verlierer gibt.” – Das ist doch dann gut. Sie sehen immerhin auch die ein paar gute Punkte daran, das begrüße ich sehr.

Über die Form wurde sich lustig gemacht, ja Herr Staiger, da haben Sie recht. Doch da sehe ich kein Problem: so funktioniert Humor. Und die Phonetik ist fantastisch in die Reime integriert – das ist tatsächlich auch technisch einfach sehr gut umgesetzt.

Besonders in diesem Kontext ist es amüsant zu sehen und wohl nicht weiter nötig, die Ironie zu erklären, dass Sie sich hier als Hip-Hop-Polizei sehen und einschreiten – auch wenn niemand danach gefragt hat. Ganz davon abgesehen, dass selbst ein Herr Staiger dem Song Qualität nicht komplett absprechen kann/sollte. Die Reime sind tight, lustig und voller Anspielungen, Metaphern, Bilder und die Hook ist catchy. Ich Hab Polizei muss sich aus meiner Sicht hinter keinem Hit aus der Szene verstecken.

Letztlich: Wer über sich selbst lachen kann, beweist Humor in seiner Gänze. Wer das nicht kann, ist einfach nur ein ignoranter Arsch. Und als das möchte ich Sie, Herr Staiger, der sehr viel für die Hip-Hop-Musik und -Kultur in Deutschland getan hat, nicht sehen. “Vielleicht kannst du mir das ja erklären, wenn ich demnächst bei dir und Olli in der Sendung bin. Ich freue mich schon jetzt auf unsere Begegnung.” – Sehr gut Herr Staiger, dass Sie nicht nur draufhauen und auch an einer persönlichen Stellungnahme/Auseinandersetzung interessiert sind. Ich freue mich da auch drauf, vielleicht können Sie dann auch noch ein paar Dinge genauer erklären/ausführen. Vielleicht hören Sie sich den Song bis dahin auch nochmal an und denken im Kontext darüber nach? Ich würde es mir wünschen.

Herzlichst, Manu

P.S. Wer diese Art von Humor nicht abkann oder versteht, sollte vielleicht andere Sendungen schauen.

#ichhabpolizei #janböhmermann #neomagazinroyale

2 Gedanken zu “Offener Brief an Marcus Staiger

  1. Also ich muss sagen, dass Marcus Staiger in meinen Augen nicht ganz unrecht hat. Im Prinzip rettet das Video von Böhmermann, das ich auch sehr gelungen finde, vor allem seine präzise Nachahmung von Haftbefehl, sprich es ist verdammt gut gemacht.

    Doch schon ich fand, dass es zu lang war und ab der Hälfte nicht mehr lustig. Der Witz an sich ist denn auch tatsächlich so alt wie Erkan & Stefan oder Richie. Und inhaltlich hat Staiger meiner Meinung nach auch recht: HipHop ist selbst nicht mehr real und dadurch längst ein Mainstream-Produkt, das auch vom Bürgertum konsumiert wird.

    Das änderst aber nichts daran, dass die sozialen und ethnischen Probleme, die HipHop einst thematisiert hat, auch verschwunden sind. Ich finde daher, HipHop sollte sich dem wieder annehmen. Und dann würden auch Lachnummern wie KIZ, Aligatoah und selbst Showmaker wie Sido wieder verschwinden.

    Ein “Übel” (KIZ und Co.) rechtfertigt also auch hier – wie immer – nicht die Existenz von anderen (Böhmermann). Und ja, es ist alles Spaß und fünfmal ironisch gebrochen – aber die sozialen Probleme, die im Gangsta-Rap anklingen – ob nun aus dem Rückblick (Haftbefehl) oder gespielt (Kollegah) oder tatsächlich (Underground) – sind nunmal nicht zum Lachen.

  2. Sagt ja auch keiner, dass die echten sozialen Probleme zum Lachen sind. Dennoch darf/kann/sollte man sich über Klischees lustig machen (dürfen). Selbst über die schlimmsten Verbrechen der Menschheit darf man Witze machen. Ein Witz macht sich nicht über Opfer lustig, sondern entlarvt die Täter.
    Es ging nicht darum, dass ein Übel andere rechtfertigt. Es ist aber eine Tatsache, dass der Aufschrei bei Szenegrößen ausbleibt. “Der von außen” darf das nämlich anscheinend nicht. Das ist falsch. Außerdem ist Böhmermann gar nicht so weit außen. Wer seine Kunst verfolgt, erkennt seine Liebe zum Hip-Hop. Der Mann hat schließlich auch Dendemann und die Freie Radikale als Studioband.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>