FFF 2015: Der Bunker

DER BUNKERDeutschland 2015

Regie: Nikias Chryssos

Darsteller: Pit Bukowski, Daniel Fripan, Oona von Maydell, David Scheller

Story: Ein Studenten (Pit Bukowski) will sich in die Einsamkeit zurückziehen, um in Ruhe seine wissenschaftliche Arbeit über das Higgs-Teilchen zu erstellen. Das führt ihn in ein fensterloses Loch in einem Bunker mitten im Wald, das von einer spießbürgerlichen Familie vermietet wird. Der Hauswirt (David Scheller) dieses Mikrokosmos hält sich selbst für intellektuell und versucht, mit aller Kraft Zucht und Ordnung in diesem „Idyll“ zu etablieren. Indes nährt seine Frau (Oona von Mayxdell) den bereits sehr erwachsen aussehenden Sohn Klaus (Daniel Fripan) noch an ihrer Brust und sucht in schwierigen Zeiten Rat bei Heinrich – einer Wunde an ihrem Unterschenkel. Von Ruhe kann keine Rede sein, wenn diese diversen Welten aufeinander treffen und der Student zu allem Überfluss auch noch Klaus, der einmal Präsident im Weißen Haus werden soll, unterrichten soll.

Kritik: Was Regisseur Nikias Chryssos seinem Protagonisten, dem Studenten, hier antut, ist nicht gerade angenehm. Für den namenlosen Studenten sowie den Zuschauer. Wer sich aber darauf einlässt, darf in eine obskure und bizarre Welt eintauchen, die mit vielschichtiger gesellschaftspolitischer Kritik gespickt ist. „Der Bunker“ fühlt sich an, als hätte man David Lynch, Stanley Kubrick und Dario Argento zum Essen eingeladen und sie diskutierten dabei über Erziehung und Familienstrukturen. Da will man dabei sein, auch wenn bzw. gerade weil es auch ziemlich aus dem Ruder laufen kann und die Unterhaltung in völlig verschiedene Richtungen abdriftet, ohne den Kern aus den Augen zu verlieren. Regisseur Nikias Chryssos stellt in seinem Debüt-Kinofilm viele komplexe Fragen über Erziehung, Familie und das Bildungssystem. Dabei maßt er sich erfreulicherweise nicht an, die Antworten eindeutig benennen zu können und sie uns oberlehrerhaft einzubläuen. Nein, das haben in seinen Augen wohl schon zu viele Lehrer getan. Wir sind gefordert, zu interpretieren, aber auch nach Lösungen oder zumindest Lösungsansätzen zu suchen. Die Geschichte um dieses bizarre Familienkonstrukt ist so herrlich verrückt und ab vom Mainstream, dass es mich umso mehr freut, dass „Der Bunker“ einen Kino-Start in Deutschland erhalten hat. (21. Januar 2016)
Der Film hinterfragt auf clevere Art und Weise das Konstrukt Kleinfamilie, den Anspruch der Eltern an ihr Kind, den Anspruch des Systems an die Eltern. Dürfen Strukturen durchbrochen werden? Hilft das überhaupt? Berechtigt nur Leistung zur Freiheit? Auch wenn sich Chryssos glücklicherweise nicht zum alleswissenden Moralapostel aufschwingt, so ist mindestens ein Mittelfinger in Richtung Schul- bzw- Bildungssystem deutlich zu spüren. Mindestens ein weiterer in Richtung Mainstream-Kino. Auch wenn das sehr sperrig und zu gewollt „arthausig“ klingt, fordert „Der Bunker“ nicht nur, er unterhält auch. Immer wieder brechen urkomische Momente oder solche, bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt, die düstere Szenerie, das leicht dystopische Weltbild auf. Zudem ist der Film aufgrund der brisanten Figurenkonstellation bis zur letzten Szene spannend, weiß stets zu überraschen und ist dadurch kurzweilig. Es bleibt nicht einzig beim Spagat zwischen Drama und Komödie, gegen Ende sind auch Horror-Elemente überdeutlich zu vernehmen und Chryssos bedient sich eines Farbenspiels, das einem (jungen) Argento gleichkommt.

KlausDie Entscheidung, mit Daniel Fripan („Victoria“) einen 30-Jährigen die Rolle des achtjährigen Klaus zu spielen zu lassen, ist nicht nur mutig, das Vorhaben geht auch vollends auf. Das birgt nicht nur eine gewisse Komik, die niemals in die Lächerlichkeit abdriftet, sondern auch eine weitere Aussage, wie Chryssos im Interview mit „Deadline – Das Filmmagazin“ bestätigt hat. Er stapelt in seinem Debüt Meta-Ebene über Meta-Ebene, ohne dass sie wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Für den ein oder anderen vielleicht zu „künstlerisch“, verkopft geht es hier jedoch nicht zur Sache.

Manu meint: Mutiges und erschreckend gutes Debüt des deutsch-griechischen Regisseurs Nikias Chryssos, von dem wir hoffentlich bald mehr zu sehen bekommen. „Der Bunker“ fordert, aber überfordert nicht, spielt mit Erwartungen und Gewohnheiten, lässt aber weder seine Protagonisten noch seine Zuschauer im Stich. 8/10.

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