The Walking Dead – Season 6 Finale

Disclaimer: Ich bespreche hier das Finale der sechsten Staffel von „The Walking Dead“. Demnach wimmelt es hier von Spoilern – auch was die Comic-Vorlage betrifft. You have been warned!

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Vorweg: Die sechste Staffel der beliebten Zombie-Serie (ich hätte in meinen Jugendjahren nie damit gerechnet, dass es einmal so etwas geben würde) ist sehr gut. Die Inszenierung ist flüssiger als in den vorangegangenen Staffeln, die Figuren entwickeln sich nachvollziehbar und die Bottleneck-Episode um Morgan ist wohl das Beste, was es bei „The Walking Dead“ bisher zu sehen gab. Und dann kam das Finale, das mit Spannung erwartete, von allen Beteiligten und Fans herbeigesehnte Finale, in dem mindestens eine wichtige Figur aus dem Hauptcast dran glauben soll/sollte/musste. Und wie von den Machern erwartet und prognostiziert, ist das Internet explodiert – allerdings nicht vor Freude. Dass es kontrovers werden würde, war nicht nur den Comic-Kennern klar, halten die Mitwirkenden den Hype doch schon seit Monaten hoch. Doch diese Reaktion kann AMC und Co. nicht gefallen. Völlig zurecht fällt das Finale bzw. die letzte Szene beim Publikum unten durch.

Bis zum Schluss ist die Finale Folge – wie auch das Gros der Staffel – sehr gut inszeniert, spannend und packend: Das Katz und Maus Spiel zwischen Ricks Gruppe und den Saviors gibt es in der Comic-Vorlage nicht und bietet somit auch Kennern ein neues Erlebnis. Die Einführung von Negan als neuem Antagonisten ist ebenfalls gelungen und inszenatorisch vorlagentreu – bis auf seine Sprache, denn im Comic flucht er in jeden Satz mindestens zwei Mal (fuck, shit, cunt…). Und Jeffrey Dean Morgan geht sowieso immer. Aber leider hat er hier (wie ich es aufgrund der derzeitigen Trends erwartet hatte) einen (Dreitage)Bart und ist leider nicht rasiert wie im Comic. Kleinigkeit, aber das hätte ihn noch fieser erscheinen lassen, finde ich. Ok, geschenkt, nicht schlimm. Also, Staffel und Finale bis dahin top. Und dann kommt dieser unnötige Cliffhanger, mit dem sie sich wieder eine Chance verbauen. Wir sehen nicht, wem Negan hier den Schädel zu Brei kloppt, sondern erleben diese exzessive Gewalttat aus der Ego-Perspektive des Opfers. Ok, Bonuspunkte für Kreativität, und treffend inszeniert ist es ebenfalls. ABER: Warum zeigen die Verantwortlichen es dem Publikum nicht? Oder zumindest das Ergebnis?

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Im Comic fällt in der Jubiläumsausgabe #100 die Wahl auf Glenn und Negan zermatscht ihm sehr explizit den Schädel, und das sieht man Panel für Panel. Dazu die geschockten Gesichter der anderen Gruppenmitglieder sowie die Ungläubigkeit des Lesers. Das war und ist immer noch ein extrem harter Schock – für die Gruppe, für den Leser. Mir hat sich damals beim Lesen der Magen umgedreht und ich habe das bis heute nicht komplett verkraftet. Dass man weiß wen es trifft (die Frage stellte sich im Comic gar nicht), ist essentiell für diesen extremen Schock-Moment. Genauso wichtig ist die direkte Reaktion der anderen, doch das wird dem TV-Publikum hier vorenthalten.

Was bringt es, wenn man Monate Zeit hat, sich mit dem Ableben einer Figur abzufinden, sich darauf einzustellen? Mir ist es jetzt schon egal, wen es trifft, weil ich diesen (mal wieder unnötigen) Cliffhanger für einen billigen Seifenopern-Trick halte. Das ist faules und feiges Drehbuchschreiben. Die Macher wissen angeblich/anscheinend selbst nicht, wen es getroffen hat und sie haben Zeit geschunden, um sich bis zur siebten Staffel etwas einfallen zu lassen. Jetzt darf in der Zwischenzeit bloß niemand bei den Gehaltsverhandlungen zu hoch pokern, denn sonst ist er/sie dran… ;-) Spaß beiseite, obwohl: maybe it’s funny because it’s true.

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Ich finde es nicht schlimm, mal im Unklaren gelassen zu werden, auch wenn die bescheuerten Cliffhanger mit Glenn und Daryl in Staffel sechs schon total hirnrissig und überflüssig waren. Da habe ich ausnahmsweise ein Auge zugedrückt, weil sich die Serie gefangen hatte – besonders nach der durchwachsenen ersten, der katastrophalen zweiten und der „hit and miss“-artigen dritten Staffel. Aber erwarten die Macher jetzt echt, dass die Fans monatelang grübeln und dass das die Zuschauer unterhält bzw. bei der Stange hält? Ich bin verärgert, weil ich der Meinung war, die Serie habe solch billigen Tricks nicht mehr nötig. Sie verschenken den Moment des Schocks, und der ist essentiell in dieser Situation. Es wäre viel heftiger gewesen, monatelang damit zu leben und über die Konsequenzen nachdenken zu müssen. Aber die Showrunner und Drehbuchschreiber sind offenbar so selbstverliebt und hochnäsig wie Moffatt und Co. in Staffel drei von Sherlock. Never underestimate your audience. In Staffel sieben beginnt es bestimmt mit Carol und Morgan auf dem Weg ins Kingdom und wir sehen erst in Episode zwei oder drei, wen Negan letztlich auf dem Gewissen hat. Da ist doch dann längst die Luft raus. Das ist natürlich nur eine Prognose/Unterstellung meinerseits, die anhand von Erfahrungswerten jedoch nicht ganz so abwegig ist.

twd-negan-hitNicht zu vergessen: Ricks Gruppe – die Protagonisten, mit denen wir ja so herzlich mitfiebern (sollen) – hat hier kaltblütig zahlreiche Handlanger von Negan im Schlaf ermordet und dazu noch viele weitere getötet. Im direkten Vergleich führt also Ricks Gruppe. Da ist „das eine“ Opfer für Negans Saviors ja fast schon „gnädig“. Das Verhältnis ist im Comic auch viel ausgeglichener (es gibt die Schlaf-Tötungs-Szenen nicht) und daher wirkt der Moment heftiger, weil noch ungerechtfertigter.

Zugegeben: Hätte ich den Vergleich mit den Comics nicht, wäre mir die Schwäche des Finales aufgrund fehlender Alternative womöglich nicht so eklatant aufgefallen. Wie gesagt: Bis dahin ist es packend inszeniert und nahezu komplett schlüssig.

Nun aber zu den Theorien, wen es denn getroffen haben könnte:

Rick ist als Haupt-Protagonist safe, alles andere wäre Quatsch und würde nicht ansatzweise zu dem passen, was Negan gesagt hat. Er braucht ihn ja auch als Führer der Gruppe, die für ihn Ressourcen ankarren soll.

Carl ist wohl auch sicher – wegen dem was Negan sagt und außerdem würden sie einen ganz wichtigen Storyarc zwischen Negan und Carl aus der Vorlage fallen lassen, was sie besser nicht tun sollten.

Maggie ist zumindest höchst unwahrscheinlich: Wenn sie schon die Episode im Gefängnis so entschärft haben (im Comic werden zwei Kinder von einem Mörder geköpft, Michonne wird vom Governor vergewaltigt und nimmt auf übelste Art und Weise Rache!) und Ricks Baby noch lebt (stirbt im Comic beim Überfall des Governors auf das Gefängnis), werden sie wohl kaum eine Schwangere töten…

Glenn – evtl. zu nah am Comic, aber genau da ist das Problem: Wird er es, verpufft der Effekt noch mehr, weil auch viele Nicht-Comic-Leser inzwischen durch Informationen im Internet wissen, dass es Glenn ist. Das wäre eine noch größere Enttäuschung, weil gäääähn.

Eugene? Er hatte sich eh schon geopfert und ist hauptsächlich zum Munition machen gut. Das „Rezept“ dafür hat er aber in dieser Episode Rick anvertraut. Ist das ein Hinweis? Wahrscheinlich, aber es wäre kein ganz harter Verlust für die Fans – so hart es auch klingt.

Das wäre eher bei Daryl der Fall. Das Internet würde explodieren, auch wenn ich auf diesen ein- bis zweidimensionalen Charakter durchaus verzichten kann. Ein harter Kerl mit weichem Kern, das habe ich ja noch nie gesehen. Mehr als muscle ist er für die Gruppe schon lange nicht mehr.

Michonne: wenn man bedenkt, welches Schicksal Ricks love interests bisher ereilte, dann fällt die Wahl schnell auf sie. Würde mir nicht gefallen, denn sie ist von den bad asses die wesentlich interessantere Figur und passt gut an Ricks Seite. Wäre für mich ein Verlust und damit schon wahrscheinlicher.

Rosita? Wahrscheinlich, aber ähnlich wie Eugene kein derber Verlust. Damit täten sich die Macher keinen Gefallen.

Abraham? Ihn vorher noch verschonen (Pfeil durchs Auge galt im Comic ja ihm, nicht Denise, und „The Walking Dead“-Erfinder Robert Kirkman hat es im Nachhinein laut eigener Aussage bereut) und dann direkt töten? Sehr unwahrscheinlich, denn die Verantwortlichen werden für ihn wahrscheinlich bereits ein paar Geschichten auf Lager haben.glen-it2

Also, wahrscheinlich (hoffentlich nicht) spielen sie für die Zukunft safe und versauen noch mehr als sie mit diesem Cliffhanger-Driss eh schon verkackt haben. Ich bin wieder sehr im Clinch mit der Serie bzw. deren Machern. Nochmal: Mir geht es nicht darum, kurzzeitig im Ungewissen gelassen zu werden (inszenatorisch war das Finale schön gelöst), Showrunner und Co. haben allerdings erneut Möglichkeiten leichtfertig verschenkt. Dumm.

 

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