Stinkefinger gegen den Stinkefinger – ein offener Brief an Joachim “Jogi” Löw

Lieber Herr Joachim Löw, Ihre Taktik ist nicht aufgegangen: Drei Sechser und kein Stürmer gegen Frankreich im Halbfinale der EM 2016. Kann passieren, kein Ding. Aber die Fehler im Modus zu suchen und andere Teams als schlecht darzustellen (obwohl sie im Finale stehen), ist mindestens so unprofessionell und ärgerlich wie einen Götze als Stürmer spielen zu lassen, oder gar nicht erst einen zweiten Stürmer in den Kader der Fußball-Nationalmannschaft zu berufen.

Man mag mir das als pingelig auslegen, aber ich maße mir (auf dieser meiner Seite) mal an, genau verstanden zu haben, was sie mit Ihrer kleinen Bemerkung im Anschluss an die 0:2 Niederlage gegen Frankreich im Halbfinale der EM 2016 im Gespräch mit dem ZDF gemeint haben. Zur Erinnerung, Löw sagte: „24 Mannschaften sind zu viel, die WM wird auch aufgestockt auf 40 Mannschaften – es wird immer mehr und immer mehr. Am Ende hat es Portugal ins Finale geschafft mit, glaub’ ich, fünf Unentschieden (fünf Remis nach 90 Minuten und 2:0 im Halbfinale gegen Wales, Anm. d. Red.). Und die stehen jetzt im Finale. Hm. Okay.“ (Quelle: focus.de, 08.07.2016)

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Ich habe den letzten Respekt vor Ihnen verloren, Herr Löw. Nicht weil Sie sich vor Millionenpublikum auf Ihrer Arbeit an Gesäß und Schritt packen und dann an den Fingern riechen. Nicht, weil die DFB-Elf gestern im Halbfinale leider und unnötig gegen Frankreich verloren hat (ärgerlich und dumm eingeleitet von einem Handspiel durch Bastian Schweinsteiger kurz vor der Halbzeit). Nicht weil der Kader (besonders die Bank) nicht stark/fit genug war. Sondern weil Sie sich nach dem Turnier als schlechter Verlierer, und somit als schlechter Sportsmann, präsentiert haben. Etwas, das hierzulande immer sehr hochgehangen wird, zumindest solange bis das eigene Team aus dem Turnier fliegt. Nein, der Modus ist schuld, und Portugal ja sowieso doof. Weil sie im Finale stehen. Mit drei (nicht fünf Herr Löw!) Unentschieden – in der Vorrunde, so wie Italien 1982. So etwas schickt sich doch nicht. Dieses Team hat mal nicht ausschließlich über einzelne technisch raffinierte Spielzüge gewonnen, sondern mit taktischem Verständnis (von dem Sie auch hätten mehr gebrauchen können bei dieser EM, aber das nur mal so am Rande). Eine Unverschämtheit. Dass Portugal seit knapp zwei Jahren kein Pflichtspiel verloren hat – geschenkt, unterschlagen, eh egal. Reicht ja nicht die eh schon negative Berichterstattung – außer vom „Stern“ – und der Hass in den Sozialen Medien gegen das Team des FPF. Sie sind – ähnlich wie ein Matthias Sammer oder auch manchmal ein C. Ronaldo – mittlerweile an Ihrer eigenen Verbissenheit gescheitert. Und zwar nicht nur auf dem Platz. Ein Sieg muss her. Immer. Nur ein Titel zählt, ein Ausscheiden im Halbfinale ist eine Niederlage, eine Schande, die an einem nagt. Während andere Mannschaften den Einzug in ein Halbfinale als Erfolg feiern. Das wiederum bewundert man im Netz – bis es schließlich das eigene Team trifft.

Bundestrainer Joachim Löw: „Wenn das so weitergeht, ist es für den Fußball nicht gut. Am Ende leidet auch die Qualität darunter.“ (Quelle: focus.de, 08.07.2016) – Ja, so wie die Qualität Ihres Teams / „unserer“ Nationalmannschaft gelitten hat, und wir mitgelitten haben. Aber wie gesagt: ein Halbfinal-Aus gegen einen starken Gastgeber sollte kein Beinbruch sein.

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Außerdem habe ich Ihr Team angefeuert, Herr Löw, obwohl ich nur Halb-Deutscher bin. Mit Trikot habe ich nahezu jedes Spiel Ihrer Elf verfolgt (in diesem Turnier sogar jedes einzelne), mich mit Ihnen gefreut, und auch gemeinsam mit Poldi, Schweini & Co. Niederlagen verarbeitet. So ist das halt im Sport. Gegenwind gegen die portugiesische Nationalmannschaft bekomme ich aus dem Bekanntenkreis genug, von Arbeitskollegen, von Hobby-Experten in den Sozialen Medien sowie von den überbezahlten und ahnungslosen Dummschwätzern, die sich „die Medien“ schimpfen. Und dann kommen Sie auch noch um die Ecke. Manch einer mag das überdramatisiert empfinden – kein Problem. Mich hat es geärgert. Und so schnell werde ich IHR Team zumindest nicht mehr anfeuern und bejubeln. Sondern vorerst nur noch meine andere Hälfte:

Força Portugal!

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