Netflix-Serie „Stranger Things“ – Overhyped oder Volltreffer?

stranger thingsUSA 2016

Creators: Matt und Ross Duffer

Darsteller: Winona Ryder David Harbour, Finn Wolfhard…

Vorwort: Es ist inzwischen eine neue Generation an Serienjunkies herangewachsen. Für diese ist „Breaking Bad“ das Maß aller Dinge – während sie „The Sopranos“ oder „The Wire“ meist nur vom Hörensagen sagen kennen. Oder – im schlimmeren Fall – sie nicht kennen, oder im schlimmsten Fall diese zu langweilig finden. Dieser Aussage liegt zwar keine offizielle Statistik zugrunde, jedoch eigene Erfahrung. Mittlerweile ist auch in Deutschland ein wahrer Serientrend nicht mehr zu verneinen – unter anderem ist seit mehr als einem Jahr Netflix auch in Deutschland erhältlich, und erfolgreich. Gefühlt im Minutentakt gibt es staffelweise neue Serien zu gucken, und in eben diesem Tempo sind auch Aussagen zu lesen/hören wie: „XY musst Du Dir angucken“, „XY musst Du Dir unbedingt angucken, ist die beste Serie“ etc. Ich komme meiner persönlich erstellten „To-Watch-Liste“ kaum noch hinterher, und die Zeit, eine Serie wirklich mal zu genießen wird immer spärlicher. Es kommt mir ab und an so vor, als hakte ich einige Serien nur noch ab. Hauptsache gesehen, Hauptsache etwas dazu sagen/schreiben können.

Kritik: Mit reichlichen Vorschusslorbeeren startete vor einigen Wochen dann die von Netflix produzierte Serie „Stranger Things“. Freunde, Bekannte, das Internet – alle drehten durch und waren voller Lob. Vergleiche mit Steven Spielberg („E.T.“ und „Close Encounters of the Third Kind“) und Stephen King („Stand By Me“) wurden angestellt und der 1980er Stil (meine Kindheit) sei jederzeit fühlbar. Mit solch hohen Erwartungen kann man doch nur auf die Schnauze fallen. Wie soll diese Serie – gerade bei mir als Berufs-Skeptiker – das alles erfüllen können?

Im Folgenden erkläre ich Euch wie. „Stranger Things“ ist nämlich durchaus – und zu meiner großen Überraschung – ein unverzichtbares Serienhighlight, und zwar nicht nur in diesem Jahr. Die Parallelen zu den genannten Filmen (plus „Alien“ und „The Goonies“!) sind mehr als eindeutig, zahlreiche Szenen werden Filmfans bekannt vorkommen. Und wer damit etwas anfangen kann, wird in vollem Umfang bedient. Nun könnte man „Stranger Things“ vorwerfen, Versatzstücke aus Klassikern zu klauen und sie neu zusammenzusetzen sei faul und nicht sonderlich innovativ. Sicherlich hat man Vieles bereits schon gesehen, aber eben nicht in dieser Kombination, und selten als Mini-Serie. Aber wenig anderes macht Tarantino seit Jahren und hat damit seine Karriere sowie seinen eigenen unverkennbaren Stil aufgebaut. Und auch wenn sich die Serie an ikonischen Elementen der Filmgeschichte bedient, erzählt sie dennoch eine eigene, spannende und unterhaltende Geschichte. Es ist nicht nur das Konglomerat an Bekanntem. Was „Stranger Things“ so stark macht, ist die perfekte Balance, die Liebe zu den Figuren und das Herzblut, das die Macher reingesteckt haben. Das ist zu jeder Sekunde spürbar. Die einzelnen Teile an Drama, Suspense, Mystery, Sci-Fi und auch Horror sind so gut ineinander verwoben und werden von diesen liebevoll gezeichneten Figuren mit scheinbarer Leichtigkeit getragen, das es eine wahre Freude ist.

stranger things 2Die Story um eine Gruppe von Freunden, die sich mit einem Mädchen mit Telekinese-Fähigkeiten anfreunden und ihren vermissten freund suchen, geht ans Herz. Und bedient von dort aus auch alle anderen Sinne. Das Leben in der Kleinstadt in Indiana ist nachvollziehbar und so präsent, als wenn man selbst dort wohnen würde. Nicht nur ist der Cast um Winona Ryder und Co. exzellent – ein besonderes Lob geht an Millie Bobby Brown als „Eleven“. Aus ihr könnte wirklich eine ganz Große werden. Zusätzlich verhalten sich die Charaktere außerordentlich realistisch – auch wenn Übersinnliches passiert. Klischee-Figuren à la „der/die Lustige“, „der/die Gute“ und „der/die Böse“ glänzen mit erfrischender Abwesenheit. Chief Jim Hopper (David Harbour) ist so sympathisch, weil er eben auch mit einer inneren Belastung lebt und dadurch auch nicht immer die richtigen/nachvollziehbaren Entscheidungen trifft. Selbst die Liebesgeschichte um Nancy ist glücklicherweise nicht vorhersehbar, gleichzeitig aber realistisch. Das Drehbuch setzt emotionalen Beats und die Spannungs-Momente gezielt und perfekt. Wir fiebern mit, ohne jedoch ständig von Jump Scares aus dem Film gerissen zu werden. „Stranger Things“ versteht es, eine Atmosphäre aufzubauen, und welche Elemente dabei ineinandergreifen müssen, um zu funktionieren. Allein die Pilotfolge kreiert genug Mystery, das wir unbedingt wissen wollen, wie es weitergeht. Die Geschichte entfaltet sich langsam und nimmt sich ausreichend Zeit für alle wesentlichen Figuren. Hatte mich „Lost“ in der zweiten Staffel mit seinen ständigen Cliffhangern – einer spannender als der andere – irgendwann nur noch genervt, weiß „Stranger Things“ genau wieviel die Geschichte zu welchem Zeitpunkt preisgeben darf.

Dazu kommen ein Score, der auffallend positiv an John Carpenter erinnert, sowie ein Soundtrack, der so oder so ähnlich auf unseren Partys laufen würde bzw. läuft. Sowieso wirkt hier alles authentisch, als würde es wirklich vor 30 Jahren geschehen: Die Sets, die Klamotten, keine Handys/Smartphones. Und im Vorspann sind sogar kleine „Unreinheiten“ (Filmkorn) zu erkennen. Ich bekomme jedes Mal Gänsehaut. Die 80er, ja das waren meine Kindertage. Und sie spielen – zumindest popkulturell – immer noch eine große Rolle in meinem Leben. Mit acht Episoden ist diese Netflix-Eigenproduktion außerdem relativ kurz. Im Vergleich zu vielen anderen Serien auf dem Portal – mit 10 bis 13 Folgen pro Staffel – ist das hier aber genau die richtige Spielzeit. Keine Längen, sondern pure, fettfreie Unterhaltung kann man sagen.

stranger things 1Und wer in der letzten Episode keine Träne verdrückt oder zumindest einen Tennisball-großen Kloß im Hals hat, der hat kein Herz. Nach diesen acht Episoden kann ich nur sagen: Ich will mehr. Ich will diese Figuren wiedersehen und ich will wieder in diese Welt eintauchen. Einiges mag der Nostalgie geschuldet sein, aber sie täuscht zu keinem Zeitpunkt über die vorhandene Qualität hinweg.

Manu meint: Gucken. Ohne Wenn und Aber. Alleine oder mit Freunden und/oder Partnern. Für diejenigen, die ein Herz für gute Geschichten (und Filme aus den 70er/80er Jahren) haben, ist es Pflichtprogramm. 10/10

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