We Are The Flesh (Tenemos La Carne)

wearethefleshMexiko/Frankreich 2015

Regisseur: Emiliano Rocha Minter

Darsteller: Noé Hernández, María Evoli, Diego Gamalie

Story: Einsiedler Mariano besetzt eines der letzten unzerstörten Gebäude in einer völlig kaputten Welt. Lucio und Fauna, beide jünger und weniger ranzig, wollen bei ihm Unterschlupf suchen. Er wird ihnen gewährt, wenn sie sich Marianos Bedingungen fügen. Aus seinen Augen sprüht der nackte Irrsinn. Sie willigen ein.

Kritik: “We Are The Flesh” (der etwas unglücklich aus “Tenemos La Carne” – “Wir Haben Das Fleisch” – übersetzt wurde) mutet zunächst etwas surreal und arthousig an, und es werden Parallen zu Regisseurin wie Quentin Dupieux (“Wrong”, “Reality”) oder Koen Mortier (“Ex-Drummer”, “22. Mai”) immanent. Das ist bestimmt nicht ganz verkehrt, allerdings hat Regisseur Emiliano Rocha Minter hier noch etwas mehr zu bieten: Es geht wirklich um Inhalt, der deutlich über dem in diesem Kontext gern behaupteten Mindfuck steht. Der Film stellt Fragen – und gibt auch ein paar Antworten. Die sind sicher diskutabel, aber darum geht es ja. Dieses Regiedebüt ist keine Unterhaltung im ursprünglichen Sinne; der Film fordert seine Zuschauer, die sich daraufhin unterhalten können. Und darauf muss man sich einlassen (können), um daran auch Gefallen zu finden. Fans von Alejandro Jodorowsky werden mit “We Are The Flesh” also defintitiv mehr anfangen können als Michael Bay-Jünger – und das meine ich völlig ohne Wertung. Wer mit einer solch unkonventionellen Art von Filmen etwas anfangen kann, der wird belohnt. Und der wird sich auch im Nachgang mit dem Film beschäftigen (müssen) und heftig diskutieren.

Die Gleichstellung von Körper und Geist ist sicherlich mutig, provokant und darf/sollte auch hinterfragt werden. Sonst wird der Zuschauer etwa mit der Frage konfrontiert “Was passiert, wenn alle Konventionen ad acta gelegt werden?”. Minter zeigt in intensiven Bildern explizit Inzest, Masturbation, Lust und Kannibalismus. Das ist fantastisch eingefangen von Kameramann Yollótl Alvarado. Ich sehe darin auch eine Art Adam-und-Eva-Schöpfungsgeschichte, wenn mariano – analog zur Schlange im Paradies, in dem ja auch kaum Regeln gelten, bis auf eine – Fauna und Lucio zum gemeinsamen Geschlechtsverkehr drängt. Ihnen dabei immer wieder einbläut, dass sie von konstruierten Konventionen gehemmt werden. Man könnte nun vorwerfen, dass sich “We Are The Flesh” zu sehr auf Lust und Triebe fokussiert, ich jedoch finde das nicht gerade weit hergeholt. Bestehen doch das Grundgerüst einer modernen Zivilgesellschaft und sozialer Umgang oft aus zurückgehaltener Sexualität/Emotion/Lust. Visuell ist das ganz großes Kino, wenn wir die kopulierenden Körper durch eine Wärmekamera beobachten oder sich das Bild von Fauna kurz vor dem Orgasmus verzerrt. Körpetr und Geist werden dann zu einem, und das ist, was Mariano anstrebt.

Letztlich ist “We Are The Flesh” ein Erlebnis/eine Erfahrung, bietet Mehrwert, indem er eine altenrative Welt(sicht) zeigt. Daher ist der Film nicht nur gut, sondern auch wichtig. Trotz der relativ kurzen Laufzeit von 79 Minuten hätte man das dennoch zügiger und konzentrierter darstellen können. Zudem hätte die ein oder andere Facette mehr, dem Kunstwerk zusätzlich gut getan. Es bleibt ein intensiver, philosophischer Trip mit und durch die menschliche Natur bzw. einer möglichen menschlichen Natur. Dieser Film wird das Publikum spalten, mit den Eiern die er beweist und mit der Furcht die er dem Zuschauer bereitet. Vielleicht durch die Furcht der eigenen Reaktion/Einschätzung des Gesehenen.

Manu meint: Unangenehm, schwierig, dreckig, philosophisch, und daher so wichtig. Weil “We Are The Flesh” mehr bietet als “krassen” oder “uniquen” Mindfuck, weil der Zuschauer gefordert ist, und sich mit diesem Erlebnis/dieser Erfahrung auseinandersetzen muss/sollte. Bitte diskutieren Sie jetzt. 9/10.

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