Zum Tod einer Freundin

Am 5. Februar 2017 ist eine Freundin von mir gestorben. Besser bzw. aktueller gesagt: eine Bekannte, da wir in den vergangenen Jahren kaum bis gar keinen Kontakt hatten. Aber sie war mal meine (beste) Freundin, von der 5. Klasse bis zum Abitur – dazwischen auch tatsächlich mal meine erste feste Freundin. Mein erster richtiger Kuss und meine erste große Liebe. Meine erste Trennung und mein erster echter Herzschmerz. Und das alles verbindet, anscheinend für ewig, wie ich festgestellt habe.

Warum schreibe ich das? Wahrscheinlich aus therapeutischen Gründen, um das Unfassbare ansatzweise verarbeiten zu können. Viele Menschen brauchen einen Abschluss, einen Abschied. Den gab es hier nicht, und das finde ich unendlich traurig. Das Leben ist halt nicht perfekt geskriptet – wie eine Folge von „Friends“. Während die partnerschaftlichen wie freundschaftlichen Gefühle für dieses Mädchen, die mittlerweile längst eine Frau war, schon lange passé sind, ergreift es mich doch sehr. Mehr als mir lieb ist und ich mir je gedacht hätte. Weil die Nachricht über ihren Tod unmittelbar kam. Über Facebook. Weil ich nicht weiß wie es und was genau passiert ist. Und ich es unbedingt wissen will, weil ich mir einen Abschluss davon verspreche. Es trifft mich sehr hart, weil mich keiner trösten kann. Und weil mich vielleicht auch keiner trösten soll, denn als einziger Abschied bleibt jetzt die Trauer. Doch nicht nur, das stimmt nicht. Es bleibt auch, möglichst etwas Positives daraus für mein Leben zu ziehen. Und/oder für das Leben meiner Mitmenschen. Doch was genau? Ich versuche, es gerade herauszufinden.

Ich bin weder als Texter noch als Singer-Songwriter gut genug, das ansatzweise adäquat auszudrücken, was gerade in mir vorgeht. Zu erklären, warum jetzt nahezu alles andere relativiert wird – Streits und Konflikte mit anderen Personen, Ärger auf der Arbeit etc. Warum ich gerade bittere Tränen weine, für eine Person, die ich schon lange nicht mehr kannte und zu der ich jahrelang keinen Kontakt mehr hatte. Aber ich versuche es. Weil ich das brauche, und vielleicht gibt es da draußen Menschen, die das auch gebrauchen können. Durch den Tod eines Menschen, einer/s Geliebten, einer/s Bekannten, einer/s Freund/es wird temporär alles andere unwichtig – außer dem Leben. Das gewinnt plötzlich wieder an noch erstaunlicherer Bedeutung. Das ganze Leben wiegen wir uns in einer vermeintlichen Sicherheit, wir hätten ja noch Zeit. Vieles wird aufgeschoben, man hebt sich Momente und somit kostbare Lebenszeit für später auf, denn es „ist ja noch Zeit“. Was für ein naiver Schwachsinn. Das ist keine pathetische „carpe diem“- oder „carpe noctem“-Rede. Eher carpe Leben. Schiebt nicht alles auf. Momente und Zeit sind nahezu alles was wir haben und sie sind so flüchtig. Und wir? Verschleudern sie so oft doch so unbedacht, und merken es immer nur wenn es zu spät ist. Weil wir so gerne reagieren, statt öfter zu agieren. Und dann kann es schnell vorbei sein. Leider kann man aber nicht alles auf einmal machen…

Auch deshalb möchte ich mich nicht nur verkriechen und weinen und trauern. Ich will das Leben umarmen und mit Euch teilen. Und ich will auch Euch umarmen. Nicht nur die Menschen, die ich liebe und/oder die mir nahestehen. Auch die Ex-Freunde/innen und –Partner, die Leute die im Streit gegangen und auch die, die ohne Streit einfach gegangen sind – aus welchen Gründen auch immer. Die Gewinner, die Verlierer, die treuen Seelen, aber auch die Verräter, die Gefallenen, die Geläuterten – auch für Euch ist das. Denn letztlich kommt es oft auf etwas anderes an als ursprünglich gedacht/gefühlt.

Meine Eltern verabschieden sich nie ohne Kuss. Aber manchmal ist nicht mal Zeit dafür. Und daher ist das hier mein verspäteter und letzter Kuss an Dich, Sarah. Eine verspätete Umarmung. Der Versuch eines Abschlusses, eines Abschieds.

Ruhe in Frieden.

Dein Manu

 

P.S. Du hast mich damals mehrfach gefragt, warum ich oft so grimmig gucke. Das hier ist für Dich:

Manu-grins

 

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